Historie

Frage: Womit anfangen?

Norbert: Was für eine Frage. Mit dem Anfang.

Frage: Und wann war der und wie überhaupt?

Norbert: Das war Ende der 1970er Jahre. Als Student in Berlin. Da wurden auf einmal 50er Jahre Schuhe nachgefragt. Die wurden in keinem normalen Laden angeboten. Da bin ich in Westdeutschland über die Dörfer getingelt und habe Restposten aufgekauft.

Frage: Und das hat funktioniert?

Norbert: Das hat gut funktioniert. Nur nicht sehr lange.

Frage:Wollte keiner mehr die Picker?

Norbert: Nee, das war anders. Die Info mit den Restposten haben dann auch andere mitbekommen. Bei einer Tour hatte ich gerade meinen damaligen R4 vollgeladen da kam schon der nächste Interessent aus Holland. Der hatte dann Pech gehabt. Und nach ein paar Monaten war Westdeutschland quasi leergefegt. Da lohnte sich das Rumfahren nicht mehr.

Frage: Was kam dann?

Norbert: Ersatz mußte her. Ich hatte gerade einen Laden in der Oranienstr. Der Laden hatte noch nicht einmal einen Namen. Hat damals ganze 430 DM Miete gekostet. Und so klein ist der gar nicht. Da war aber im Verkaufsraum ein Loch im Boden. Ohne die Platte darüber hätte man sich leicht mit Schürfwunden im Keller wieder finden können.

Frage: Das ist ein Witz, oder?

Norbert: Nein, das Loch gab es wirklich. Mit der ganzen Kreuzberger Sanierung wurde dann ein neuer Fußboden eingebaut. Doch zu der vorherigen Frage nach dem Ersatz. Doc Martens kamen dann. Die gabs auch in keinem normalen Geschäft.

Frage: Und wo kamen die her?

Norbert: Damals wurden die ja noch in England hergestellt. Und die englischen Produzenten durften aus lizenzrechtlichen Gründen nicht nach Deutschland exportieren. Bin ich eben nach England gefahren und hab die dort gekauft. Der Lizenzgeber saß in München und wollte keine Konkurrenz zu den Dr Maertens Luftpolster Schuhen.

Frage: Aber die sind doch völlig anders.

Norbert: Völlig anders würde ich nicht sagen. Nur sahen sie völlig anders aus. Und vor allem waren die Kunden völlig andere. Das hat dann gefühlte 10 Jahre gedauert bis der Lizenzgeber das mitbekommen hat und den Vertrieb für Deutschland praktisch übernommen hat.

Frage: Und dann gab es sie überall?

Norbert: Genau, mit der Übernahme des Vertriebs für die BRD wurden die Preise angepasst und es gab sie auf einmal überall.

Frage: Lass mich raten. Es musste wieder was neues her?

Norbert: Ja. Es gab noch einige kleinere Hersteller in UK. Das ermöglichte Chancen für den Großhandel. Der Laden und die Firma hießen mittlerweile Yellowgelb. Und dann fiel die Mauer. Antwort: Es war also 1989.

Norbert: Die kleineren Fabriken in UK machten dicht. Und Osteuropa öffnete sich. Das war die Zeit des absoluten Wahnsinns. Unsere Stiefel kamen nun aus einer Fabrik mit um die 1400 Arbeitern. Wenn ich mich recht erinnere waren wir bei yellowgelb seinerzeit zu dritt. Wir machten zu dritt jedoch einen größeren Umsatz als die Fabrik mit den 1400 Beschäftigten. Aber die Umwälzungen in Rumänien kamen schnell. Die Staatsbetriebe wurden aufgelöst und kleine Betriebe gab es praktisch nicht.

Frage: Wo kamen deine Stiefel dann her?

Norbert: Ich hab mir einen Traum erfüllt und eine Schuhfabrik gegründet.

Frage: Das ist jetzt keine Frage. So spontan hört sich das wie ein Albtraum an.

Norbert: So im Nachhinein ist es für mich auch schwer zu verstehen. Die Fabrik hat 5 Jahre funktioniert. Die ganze Sache war aber viel zu kompliziert. Da kommt meinetwegen das Leder aus Portugal, die Ösen + die Sohlen aus Deutschland, eine PU-Folie aus UK die nach Tschechien geschickt wird um dort ein Spaltleder zu beschichten. Die Leisten + Zwischensohlen aus Ungarn usw.usw. Die Fabrik war in Rumänien und wenn nur eine Komponente fehlte konnte nicht produziert werden. Es brauchte auch nur eine Maschine ausfallen oder der Strom. Und die Vielzahl von anderen Parametern, wie Finanzen, motivierte Mitarbeiter, Steuern, Zoll sind dabei noch außen vor. Ich will das nicht weiter ausführen. Eine Begebenheit: Wir hatten einen Transport von Rumänien nach Deutschland. Der LKW hatte den rumänischen Zoll passiert. Für die Ungarn war aber etwas mit den Zollpapieren nicht ok. Es hat eine geschlagene Woche gedauert bis wir das klären konnten. Der Fahrer des LKW hat eine Woche im Niemandsland zwischen Rumänien + Ungarn ausgeharrt. Kein Joke.

Frage: Jetzt hören wir aber mit Osteuropa auf, ja?

Norbert: Ja, jetzt kommen wir zu inamagura und sind in China.

Frage: Gab es inamagura vorher noch nicht?

Norbert: Doch, doch. Inamagura entstand in meiner Fabrik in Rumänien. Ina, der Name meiner damaligen Frau + Magura der Ort der Fabrik. Nur haben wir damals nur schwere Stiefel mit schweren Schnallen + fetten Sohlen produziert. Mit China kamen die Ladyteile hinzu. Die konnten wir mit unseren groben Macharten in Rumänien nicht herstellen. Und parallel hatte ich den Vertrieb für T.u.k. in Deutschland übernommen.

Frage: Wurde das nicht ein wenig viel?

Norbert: Es wurde wirklich zu viel. Ich mußte mich entscheiden und hab mich wieder einmal für das Schwierigere entschieden.

Frage: Also der T.u.k. Vertrieb wäre einfacher gewesen?

Norbert: Viel einfacher. Aber ich wäre nur ein Rad in einem größeren Räderwerk gewesen. Obwohl die Zusammenarbeit mit T.u.k. sehr angenehm war.

Frage: Wie hat sich China für inamagura entwickelt?

Norbert: Der Einstieg war gar nicht so einfach. Eine völlig andere Welt. Ohne meine große Tochter, die eine Zeitlang in Beijing studiert hat, hätte ich mich wohl kaum zurecht gefunden. Und wenn man erst ein paar Pfade kennt kann man alleine weiter gehen.

Frage: Nochmal zu meiner Frage

Norbert: China hat sich in dieser Zeit atemberaubend entwickelt. Da standen innerhalb von 6 Monaten neue Hochhäuser wo vorher Brachland oder Wiese war. So kam es mir vor. Ich hatte eine Produktion in einer kleinen Fabrik, also eine richtige Klitsche. Als ich dann ungefähr ein halbes Jahr später wieder dort war wurde ich vom Chef im Mercedes abgeholt. Die Fabrik war in eine Riesenhalle mit mehreren Produktionslinien umgezogen. Unglaublich.

Frage: Das hört sich doch gut an oder nicht?

Norbert: Die Fabrik ist so schnell gewachsen, da war ich mit meinen Bestellungen ganz schnell zu klein. Man hat sich nicht einmal die Mühe gemacht meine Emails zu beantworten.

Frage: Es gab doch Alternativen?

Norbert: Ja. Bloß kleine Fabriken kommen und gehen. Das ist so. Und das ist ein ziemliches Risiko.

Frage: 2009 ist deine Firma in die Insolvenz gegangen.

Norbert: Yes, das hatte noch nicht mal etwas mit den kleinen Fabriken zu tun.

Frage: Sondern?

Norbert: Da waren für's Frühjahr 4 Container geplant. Und mit dem ersten ist was schief gelaufen. Ein Teil von dem Erlös wäre aber nötig für den nächsten Container gewesen. Der Warenfluß ist damit zusammen gebrochen.

Frage: Das hört sich an wie ein Kettenbrief.

Norbert: Vielleicht nicht ganz. Egal, die Finanzierung war bei mir aus dem Ruder gelaufen.

Frage: Wie soll ich das verstehen? Das hört sich wie das Ende an.

Norbert: Nein. Das war nur das Ende der Yellowgelb GmbH & Co KG. Genau ein Dutzend Kunden haben geordert und waren bereit Vorkasse zu leisten.

Frage: Kann ich kaum glauben

Norbert: War aber so. Es ging fast nahtlos weiter.

Frage: Und was ist der Stand der Dinge heute Anfang 2016?

Norbert: Wie du siehst gibt es Inamagura immer noch. Die kommen übrigens jetzt aus Indien.

(Selbst geführtes Interview vom 14.2.2016)